Zurück zu den gedruckten Büchern!
Aus der F.A.Z. vom 11.07.2023
Das schwedische Karolinska-Institut kritisiert die Strategien zum digitalen Lernen / Von Heike Schmoll, Berlin
Deutlicher hätte die Stellungnahme des Stockholmer Karolinska Instituts zur Digitalisierung der Schulen an die Nationale Agentur für Bildung kaum ausfallen können.
Es wirft der Agentur vor, einfach zu ignorieren, dass die Forschung gezeigt hat, „dass die Digitalisierung der Schulen große, negative Auswirkungen auf den Wissenserwerb der Schüler hat“. Der Einsatz von digitalen Werkzeugen in der Schule allein könne die ausgegebenen Ziele nicht erfüllen. Es gebe etwa keine Belege dafür, dass die Digitalisierung der Schulen zu einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis führe. Die Agentur für Bildung hatte sich von einer Digitalisierung der Schulen und Vorschulen erhofft, dass Kinder mehr Interesse an digitaler Technologie entwickeln würden, und machte – wie andere skandinavische Länder auch – schon zweijährigen Kindern in der Kita und den Grundschülern Tablets zugänglich.
Die Digitalisierungsstrategie der Bildungsagentur für die Jahre 2023 bis 2027 sollte die Qualität des Unterrichts, die Chancengleichheit und das Erreichen der Lernziele fördern. „Es ist bemerkenswert, dass die Nationale Agentur für Bildung schreibt, dass Forschung wichtig ist, aber ihre Argumente nicht auf die große Menge an Forschung stützt, die tatsächlich bereits in diesem Bereich existiert“, heißt es in der deutschen Fassung der Stellungnahme des Karolinska Instituts, um die das renommierte medizinische Forschungsinstitut von der Agentur für Bildung gebeten worden war, weil Schweden bei der internationalen IGLU-Studie zum Lesen schlecht abgeschnitten hatte.
„Wir sind der Meinung, dass der Schwerpunkt wieder auf den Wissenserwerb über gedruckte Schulbücher und das Fachwissen des Lehrers gelegt werden sollte, anstatt das Wissen in erster Linie aus frei zugänglichen digitalen Quellen zu erwerben, die nicht auf ihre Richtigkeit überprüft wurden“, heißt es in der Stellungnahme. Es sei wissenschaftlich belegt, dass digitale Werkzeuge viele Ablenkungen enthielten, die Konzentration und das Arbeitsgedächtnis behinderten, wodurch das Lernen beeinträchtigt werde. Multitasking führe eindeutig zu schlechterem Lernen. Schüler, die ihr Handy beim Lernen neben sich hätten, brauchten deutlich länger für den Stoff.
„Das Lesen und Schreiben auf einem Bildschirm hat negative Auswirkungen auf das Leseverständnis“, hält das Autorenteam fest, das aus einer Entwicklungspsychologin, einem kognitiven Neurowissenschaftler, zwei Psychologen und einer Neonatologin besteht. Es sei schwieriger, sich Informationen zu merken, die auf einem Bildschirm gelesen oder geschrieben wurden, als die in einem Buch gelesenen – dafür werden zwei Studien genannt. Den negativen Effekt des Lesens am Bildschirm beziffern die schwedischen Forscher auf 36 Prozent, das entspreche zwei Jahren Leseentwicklung in der Mittelstufe.
Die Vorstellung, dass Kinder die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzten und sich selbst Wissen aneigneten, sei oft fehlgeleitet. Unter Verweis auf mehrere Studien zeigte sich, dass die Onlinesuche von Wissen viel zusätzliche Zeit koste und zu einem geringeren Lernerfolg führe. Die OECD habe vor Kurzem einen Bericht veröffentlicht, aus dem hervorgeht, dass Länder, die viel selbst erforschenden Unterricht einsetzen, bei PISA deutlich schlechter abschneiden. Es gehe nicht nur wertvolle Zeit verloren, sondern die Schüler gäben auch „dem schnellen Abrufen von Informationen Vorrang vor einer tiefgreifenden Analyse“, was wiederum zu oberflächlichem Wissen führe, das schneller verloren gehe. Auch wenn in der Bildungsdiskussion – nicht nur in Schweden – ständig der Begriff „evidenzbasiert“ falle, wüssten viele nicht, dass alles, was gelehrt wird, wissenschaftlich fundiert sein sollte.
Leider spiegele auch der Bericht der schwedischen Bildungsbehörde diese Haltung, da sie eine Vielzahl eigener Meinungen zu den Wirkungen der Digitalisierung aufgreife, ohne sie durch glaubwürdige wissenschaftliche Quellen zu belegen, und stattdessen auf einen Blog verweise. Internationale Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) besagten, dass Kinder unter zwei Jahren überhaupt keine Bildschirme nutzen sollten und die Bildschirmzeit während der restlichen Vorschulzeit auf maximal eine Stunde pro Tag begrenzt werden sollte. Viele andere Länder wie die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und Norwegen haben diese Empfehlung übernommen. In Deutschland dagegen hat die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz für den Einsatz digitaler Medien schon im Vorschulalter plädiert.
Das Karolinska Institut dagegen verweist darauf, dass die frühe Nutzung von Bildschirmen mit einer schlechteren Sprachentwicklung verbunden sei und die menschliche Interaktion behindere.
Anderslautenden Behauptungen zum Trotz scheint der Einsatz digitaler Werkzeuge Kinder aus bildungsfernen Familien stärker zu treffen als andere. Auch Kinder mit ADHS und anderen Lernstörungen ließen sich eher als andere durch irrelevante Eindrücke ablenken. Allerdings verweisen die schwedischen Forscher auch darauf, dass digitale Werkzeuge bei einem richtigen Einsatz „eine gute Unterstützung für Schüler mit besonderen Bedürfnissen sein können“. Dazu sei weitere Forschung nötig. Die schwedischen Wissenschaftler raten der Nationalen Agentur für Bildung, den Vorschlag für eine Digitalisierungsstrategie abzulehnen. Denn dieser sei „sehr mangelhaft“, da er die Forschungsergebnisse und die negativen Folgen schulischer Digitalisierung weitgehend ignoriere. Digitale Lehrmaterialien seien zwar billiger als gedruckte Schulbücher, sie könnten aber negative Folgen haben, „die längerfristig zu höheren sozialen Kosten führen können“. Allerdings gebe es starke wirtschaftliche Anreize für die Schulen, mehr digitale Medien einzusetzen. Künftig sollten Reformen vorher an einer Gruppe mit Kontrollgruppe erprobt werden, bevor sie in die Schule gelangten.
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